Wenn die Erzählkraft schwindet

Foto: Menna - shutterstock

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Es geht schleichend. Man merkt es meistens erst, wenn es zu spät ist oder man zumindest meint, es sei zu spät: Die Erzählkraft wird schwächer und schwächer. Oft beginnt es ganz harmlos. so war es jedenfalls bei mir. Eigentlich hätte ich es merken müssen, denn ich kenne das Phänomen. Aber auch diesmal hat es eine Weile gedauert.

Eine Woche ist jetzt schon wieder vergangen. Eine Woche meines kostbaren Urlaubs, in dem ich mir vorgenommen hatte, aber wirklich endlich mich ganz konzentriert meinen beiden Buchprojekten zu widmen und zu bloggen. Klar, ich hatte am Wochenende zu Beginn meines Urlaubs noch ein Seminar, an dem ich teilnahm. Aber dann wollte ich loslegen.

Doch es ging einfach nicht. Zunächst gab es einige andere Projekte, die liegen geblieben waren, aber noch erledigt werden wollten. Dann dauerte es, bis mein ganzes System registrierte: Okay, du hast Urlaub. Es fiel in eine Erschöpfung und der Blick auf die Couch von meinem Schreibtisch aus förderte das noch zusätzlich. Die Couch war zu verlockend und die kleine Stimme in mir, die mich zum Schreiben bewegen wollte, wurde immer zarter, bis sie schließlich ganz verstummte.

„So kann das nicht weitergehen“, sprach ich zu mir. Mein Zuhause mit dem ewig gleichen Ausblick aus dem Fenster, der Couch, die meine Disziplin ständig untergrub, das war alles andere als fördernd für meine Kreativität. Etwas anderes musste her, ein Ortswechsel. Ich recherchierte im Internet und entschied mich für das Lomo, die Buchbar in Mainz. Das ist ein Ort, an dem man gut alleine an einem der vielen Tische sitzen und arbeiten kann. An der einen Wand steht ein Bücherregal und auf jedem Tisch liegt ein Buch zum Lesen bereit. Da musste es mir gelingen, endlich wieder in den Schreibfluss zu kommen und meine Erzählstimme zu neuem Leben zu erwecken.

Ich packte ein Notizbuch, einen Stift und einen Ausdruck eines Kapitels von einem Buch, an dem ich gerade arbeite, ein und machte mich auf den Weg. Für Zeiten, in denen gar nichts mehr zu gehen scheint, habe ich immer noch eine meiner Lieblingsschreibübungen, das Freewriting. Und genau das tat ich, bevor ich mich dem anderen Text widmete, den ich auch noch dabei hatte. Ich öffnete mein Notizbuch und schrieb, was mir gerade einfiel. Und während des Schreibens wurde mir klar, warum meine  Erzählkraft verschwunden war, warum sie sich immer mehr „zurückgezogen“ hatte, wie ein beleidigter Liebhaber, den man ständig versetzt.

  • Schreiben braucht Disziplin und einen klaren Zeitplan. Das ist nichts Neues. Vom Verstand her weiß ich das alles und du weißt es auch. Aber manchmal hapert es halt mit der Umsetzung.
  • Die Angst, nicht gut genug zu sein hemmt kolossal! Ich bin viel in Internet-Foren unterwegs, wo über erfolgreiche Autoren und Selfpublisher berichtet wird. Da kommt schnell mal der Gedanke auf: Das erreiche ich nie! Dabei geht es immer primär darum, niemanden zu kopieren, sondern die eigene, persönliche Schreibstimme zu finden.
  • Es ist das Los derjenigen, die nebenberuflich schreiben, dass sie weniger Zeit haben und auch erschöpfter sind, wenn sie sich dann abends oder vielleicht auch früh am Morgen vor der Arbeit ans Schreiben machen. Sie haben oft nicht die Gelegenheit, viele Stunden am Stück zu schreiben, sondern sie müssen sich immer wieder kleine Fluchten suchen, wo sie an ihren Texten weiterarbeiten. Das ist nicht immer einfach, besonders, wenn man gerade an einer Geschichte schreibt und jedes Mal wieder Zeit braucht, bis man so richtig in der Geschichte drin ist.

An jenem Nachmittag habe ich erkannt, dass das Training ungeheuer wichtig ist. Nicht nur das regelmäßige Schreiben, sondern noch viel mehr. Der Schreibprozess ist ein Selbstentfaltungsprozess. Mit jedem Text, den ich schreibe, mit jedem Buch, das ich schreibe, verfeinere ich nicht nur mein Schreiben, sondern werde mir meiner Selbst mehr bewusst. Ich sehe die Blockaden schneller, das, was mich daran hindert, es überhaupt zu tun und zu dem zu stehen, was ich schreibe. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, sagt man doch so schön. Das trifft hier auch zu. Wenn ich mir dessen bewusst bin, wo meine Licht- und Schattenseiten sind, dann kann ich damit umgehen.

Meine Erkenntnis an diesem Nachmittag war folgendes:

  • Es lohnt sich, beim Schreiben mal den Ort zu wechseln.
  • Es ist gut, nicht zu viel nach links und nach rechts zu schauen und sich ständig mit anderen zu vergleichen.
  • Finde deine eigene Erzählstimme und hege und pflege sie. Ganz gleich, wie toll es auch sein mag, wenn andere erzählen und schreiben. Es ist deren Erzählstimme. Nicht meine und nicht deine.
  • Das bedeutet nicht, dass man jetzt keine Texte mehr von anderen lesen sollte. Aber bitte nur noch, um sich inspirieren zu lassen. Nicht aber, um sich in irgendeiner Weise runterziehen zu lassen und wieder in die Haltung des kleinen Mädchen zu verfallen, das denkt: Die anderen sind alle so toll, so groß so wundervoll und ich armes Hascherl schaffe es nie!

Hm … damit das klar ist: In diesem Blogartikel habe ich vorranging zu mir gesprochen, Verzeihung, geschrieben. Du brauchst dich auch gar nicht davon angesprochen zu fühlen. Vielleicht trifft das alles, was ich hier geschrieben habe, nicht auf dich zu. Dann beglückwünsche dich. Sollte aber jemand von euch dasitzen und jetzt denken: „Es ist als würde sie über mich schreiben.“ Dann lass dir gesagt sein: Du bist nicht alleine. Deine Erzählkraft kommt wieder. Fang einfach an, mit ihr zu spielen und sie willkommen zu heißen!

Anne-Kerstin
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