Kann man Dankbarkeit erzwingen?

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März 6, 2011

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Foto: ArtsyBee – Pixabay

Vor ein paar Tagen traf ich Jenny mal wieder. Über Jenny habe ich in meinem letzten Blogbeitrag berichtet.  Wir wollten uns ein bisschen über unsere derzeitige Situation austauschen. Doch noch bevor wir in dem Café am Marktplatz, in dem wir uns meistens treffen, weil es so leckeren Kuchen hat, irgendetwas bestellen konnten, platzte Jenny schon mit der Frage heraus: „Sag mal, kann man Dankbarkeit eigentlich erzwingen?“ „Wieso“, fragte ich zurück.

„Na ja, neulich traf ich Margot und die erzählte mir, dass der Sohn ihrer besten Freundin gerade sechzehn Jahre alt geworden ist. Sein Patenonkel aus Australien schickte ihm so ein tolles Geschenk, doch als seine Mutter in dazu bringen wollte, Danke zu sagen, sagte er schlicht und ergreifend: „Ne, hab jetzt keinen Bock.“ Dabei wäre es so einfach gewesen, wenn er seinem Onkel eben mal schnell eine Facebook-Nachricht geschickt hätte.“

Dann erzählte Margot ganz empört: „Stell dir mal vor, er hat auch nicht seinen Großvater angerufen, der ihm Geld geschenkt hat, damit er im Sommer einen Trip in die USA machen kann. Dann hat Margot doch tatsächlich gesagt: ‚Also, Dankbarkeit gehört einfach zum guten Ton. Wenn man sich für solche Geschenke nicht bedankt, ist man einfach schlecht erzogen. Da muss man sich einfach zu zwingen.‘ “

Genau darüber regte Jenny sich auf: „Also, ich wusste nicht, dass Margot so spießig ist. Dankbarkeit erzwingen, also ob das geht.“

„Wie hättest du es denn gemacht?“ Meine Frage überraschte Jenny etwas. Sie hatte sich darüber noch gar keine Gedanken gemacht. „Ach…, ich…, hm…ich kann es einfach nicht leiden, wenn irgendein Mensch meint, dass ich mich zu irgendetwas zwingen muss. Das geht gerade noch, wenn mein Chef kommt und meint, dass ich wieder einen Artikel über irgendeine blöde Karnevalssitzung schreiben muss. Dann muss ich mich zwingen, weil es zu meinem Job gehört. Aber sich zwingen, Danke zu sagen?“

Zwischendurch kam die Kellnerin und wir bestellten beide unseren Cappuccino und unser Stück Zitronensahne-Torte, das wir in diesem Café immer aßen,weil es so außerordentlich gut war.  Doch Jenny wurde immer aufgeregter: „Nun sag doch auch mal was.“

„Tja also, du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet oder verstehe ich das richtig, dass du es in Ordnung findest, sich nicht für Geschenke zu bedanken?“ „Ja, ich denke schon,“ warf sie kurz ein, bevor sie sich wieder über Margot aufregte: „Und stell dir mal vor, dann hat Margot noch gesagt, man muss überhaupt dankbar sein. Man muss dankbar sein für das Leben, sogar wenn es einem schlecht geht, sollte man dankbar sein, weil man etwas aus dieser Situation lernen kann. Die spinnt doch, das ist so ’ne richtige Dankbarkeitsfanatikerin.“

Inzwischen kam die Kellnerin mit der Torte und dem Cappuccino, doch Jenny rührte ihr Stück gar nicht an. Sie war immer noch so aufgeregt wegen Margot, die zu allem ja, Danke zu sagen schien.   Ich dagegen ließ es mir schmecken und überlegte, während ich genüßlich den Kuchen auf der Zunge zergehen ließ, was ich Jenny antworten sollte.

Jenny deutete mein Schweigen falsch: „Ja, da fällt dir wohl auch nichts zu ein, oder?“ „Moment, iss doch erst mal deine Torte.“ Atme einfach mal tief durch und lass diese Margot mal für fünf Minuten los“, sagte ich zu ihr.

Als wir unsere Torte  gegessen hatten, sagte ich zu Jenny: Ich möchte meine Antwort gerne in eine Geschichte verpacken, die in meiner Kindheit immer erzählt wurde.

Die Geschichte vom König, der keine Dankbarkeit empfinden konnte

Es war einmal ein König, der lebte gut in einem prächtigen Schloss in einem fernen Land. Er musste nicht arbeiten, denn er forderte regelmäßig von seinem Volk Steuern ein. Und wehe, jemand konnte diese Steuern nicht zahlen, derjenige wurde in den Hungerturm gesperrt, solange, bis die Familie das Geld irgendwie aufgetrieben hatte. Für den König war es selbstverständlich, dass das Volk Steuern zahlte, schließlich war er der Herrscher und konnte alles bestimmen.

Eines Tages kam eine wunderschöne junge Frau auf das Schloss des Königs und sagte: „Was tust du, um deinem Volk zu zeigen, wie dankbar du dafür bist, dass es dir Geld schenkt,  das dir dein Schloss, deine Ländereien und deine Diener finanziert? Hast du deinem Volk jemals gezeigt, wie dankbar du dafür bist?“

„Nein“, antwortete der König. „Wieso soll ich das auch.“ Das ist doch wohl selbstverständlich, dass ich als Herrscher von meinem Volk Geld bekomme, schließlich bin ich derjenige, der hier bestimmt, wie es geht. Ich stamme nun mal aus einer uralten Herrscherfamilie, die schon immer über dieses Land geherrscht hat.“ „Unglück wird über dich kommen“, sprach die Frau, bevor sie im Nebel verschwand, der die Morgensonne umhüllte.

Nun gab es im Nachbarland einen König, der seinem Volk viele Freiheiten ließ. Er verlangte keine Steuern, sondern fragte jeden, wie viel er bereit wäre zu zahlen und schenkte den Menschen dafür im Austausch Wohnung und Ländereien, denn auch ihm gehörte das gesamte Land. Und so bekam jeder so viel Land, wie ihm zustand, gemäß seiner Zahlungen. Außerdem lud der König sein Volk einmal im Jahr zu einem Fest auf seinem Schloss ein, um sich dafür zu bedanken, dass die Gemeinschaft in dem Land so gut funktionierte und das Volk war glücklich mit seinem König.

Nun beschloss das Volk im Land des strengen Königs, der keine Dankbarkeit kannte, sich zusammenzutun und  ins Nachbarland auszuwandern. Eines Morgens waren alle weg. Sie hatten einen günstigen Augenblick gesucht, um über die Grenze zu kommen.

Zunächst merkte der strenge König gar nicht, dass niemand mehr in seinem Land war, denn er verließ sein Schloss fast nie. Doch irgendwann kam sein Berater und sagte, dass es merkwürdig still überall wäre und auch niemand mehr seine Steuern vorbeibrachte. Der König tobte vor Wut und wollte seine Armee ins Land hinaus schicken, um das Geld einzutreiben, doch auch seine Soldaten waren verschwunden. Der einzige, der ihm geblieben war, war sein treuer Berater. „Danke, dass du bei mir geblieben bist“, sagte der König. Es war das erste Mal, dass er Dankbarkeit für irgendetwas in seinem Leben empfand.

Schon bald hatte der König nichts mehr zu Essen und sein Schloss verschwand fast hinter dem verwilderten Garten. Es waren ein paar Wochen vergangen und der König tobte jetzt nicht mehr vor Wut, denn er war ganz schwach geworden, weil er so lange nichts mehr gegessen hatte und weinte viel.

Eines Tages stand die junge, bildhübsche Frau, die er ein paar Wochen zuvor abgewiesen hatte, wieder vor dem Schlosstor. Diesmal ließ der König sie hinein. „Ich habe dir etwas mitgebracht“, sagte sie und nahm aus ihrem Rucksack ein großes goldenes Herz. „Dieses Herz wird dir helfen, deinen Kummer zu heilen und Dankbarkeit zu empfinden, denn wirkliche Dankbarkeit kommt aus dem Herzen.“ Der König nahm das Herz in die Hand und legte es sich auf die Brust. Er spürte, wie alle Strenge von ihm abfiel und wie er eine große Dankbarkeit dafür spürte, dass die Frau den Mut gehabt hatte, noch mal zu ihm aufs Schloss zu kommen und ihm half, sein Herz zu heilen und Dankbarkeit zu empfinden.

„Sag meinem Volk Bescheid, ich werde ein Fest mit ihm feiern und ich werde die strengen Steuergesetze ändern“, rief der König seinem Berater zu. Doch dann hörte er es:  Vor dem Schloss spielte ein Orchester und alle, die zuvor in seinem Land gewohnt hatten, waren wieder zurückgekommen und als sie hörten, dass sich ihr König geändert hatte, wollten sie mit ihm feiern.

Dieser Tag ging als Tag der Dankbarkeit in die Geschichte des Landes ein und wurde jedes Jahr gefeiert. Und wenn der König irgendwann einmal keine Dankbarkeit für etwas empfand, dann nahm er das goldene Herz, dass die junge Frau ihm geschenkt hatte in die Hand, und konzentrierte sich innerlich auf sein Herz.

© 2011 – Copyright by Anne-Kerstin Busch

About the author 

Anne-Kerstin

Mein Name ist Anne-Kerstin Busch. Mit meinen Büchern und Kursen will ich dich dazu inspirieren, ein erfülltes Leben zu leben. Als Schreib-Mentorin helfe ich Coaches, Texte zu schreiben, die im Herzen der Menschen ankommen. Ich gebe meine Erfahrung aus 15+ Jahren in der Zusammenarbeit mit ganzheitlichen Unternehmern und Unternehmerinnen weiter.

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  1. Liebe Michaela,

    herzlichen Dank für deinen Kommentar, den ich sehr interessant und wertvoll finde. Du fragst, wie es weiter ging mit Jenny. Ja, ich hatte mir zunächst überlegt, dass ich das noch im Anschluss an die Geschichte schreibe und habe dann gedacht, dass es doch reizvoller ist, das zunächst mal offen zu lassen. So kann sich jeder Gedanken darüber machen, wie er reagieren würde an Jennys Stelle. Vielleicht gehe ich zu einem späteren Zeitpunkt noch mal darauf ein.

    Was du über die Konvention schreibst, sehe ich auch so. Es ist vielleicht ein Anfang und besser als nichts, hat aber nicht die Schwingung, die eine wirkliche tief empfundene Dankbarkeit hat. Ich denke auch, dass Dankbarkeit wichtig ist, wenn man spirituell wachsen und erwachen will. Wahrscheinlich muss man die tief empfundene Dankbarkeit im Herzen wirklich lernen. Vielleicht hilft es ja schon, wenn man damit beginnt, für eine Situation im Leben dankbar zu sein, in der man glücklich war. Ich denke, das ist ein guter Anfang.

    Herzliche Grüße
    Anne

  2. Liebe Judith,

    herzlichen Dank für deinen wunderschönen Kommentar. Ja, da stimme ich mit dir überein, man kann Dankbarkeit einfach nicht erzwingen. Und dennoch machen das viele Leute, indem sie es erwarten, dass man dankbar ist. Ich finde es sehr schön, dass du hier das bedingungslose Schenken ansprichst. es ist toll, wenn jemand das kann und einfach nur schenkt, weil er gerne gibt, ohne etwas zu erwarten. Das ist ein wunderbares Bewusstsein und ich würde es mir wünschen, dass immer mehr Menschen das so praktizieren.

    Herzliche Grüße
    Anne

  3. Liebe Anne,

    wie ging das Gespräch denn weiter? 😀
    Wie hat Jenny reagiert?

    Ich finde das Thema sehr spannend.
    Ich finde nämlich a), man kann Dankbarkeit nicht erzwingen. Man ist dankbar oder nicht. Wenn man dankt, obwohl man nicht dankbar ist, hat keiner was davon. Es ist bloße Konvention. Der „Bedankte“ mag damit zufrieden sein, wenn er keine so hohe Schwingung hat (meine Oma braucht immer Dankes-Anrufe für jede Kleinigkeit), aber sie nährt ihn eigentlich nicht so wie tief empfundene Dankbarkeit. Aber ok, besser als nichts.

    Aber ungeachtet dessen finde ich b), dass das Leben immer besser und besser wird, umso dankbarer man ist: Ich war am Wochenende auf einem Ritual-Seminar zum Thema Gotteserfahrung und Erwachen und habe gelernt, dass Dankbarkeit eine wesentliche Voraussetzung zum Erwachen ist. Am besten ist es, wenn man sie auch formell ausdrückt. Aber sie funktioniert eben nur, wenn man es freiwillig tut, nur dann kann sie ihre segnende Wirkung entfalten. Übrigens habe ich auch gelernt, dass Gott mehr für den Menschen tue, wenn man ihm dankt – aber nicht, weil er ein kleinkrämerischer Moralapostel ist, sondern weil wir ihn dadurch an uns binden. Interessanter Ansatz.

    Herzliche Grüße und Danke für das spannende Thema
    Michaela

  4. Liebe Anne, ein schönes Thema, das du hier aufgegriffen hast. Ich finde, dass man Dankbarkeit nicht erzwingen kann.

    Ich frage mich da eher, was ist mit demjenigen passiert, dass er keine Dankbarkeit empfindet.

    Und ich frage mich auch, mit welcher Absicht hat der Schenker das Geschenk gemacht. Was will er vom Beschenkten. Oder sollte es nicht so sein, dass wir schenken und dann das Geschenk und den Beschenkten loslassen. Das hieße dass auch, jeden Anspruch loszulassen. Denn ein offenes Herz will nichts und lässt frei.
    Und wie könnte der Beschenkte dann darauf reagieren. Möglicherweise erreicht ihn diese Bedingungslosigkeit mehr als das eigentliche Geschenk.

    Liebe Grüße, Judith

  5. Liebe Walburga,

    vielen Dank für deinen Kommentar. Man, bist du schnell, der Artikel ist kaum veröffentlicht und schon hast du kommentiert. 🙂

    Ja, für mich wäre das irgendwie unvollständig gewesen, wenn ich an der Stelle mit der Torte abgebrochen hätte. Deshalb gab es die Geschichte mit dem König noch als Beigabe.

    Zurzeit probiere ich einfach mal ein paar Formen des Erzählens aus. Ich habe gerade meine Leidenschaft für das Ausdenken von Geschichten wiederentdeckt und finde es schön, wenn ich die spirituellen Inhalte, die ich rüberberbringen will, mal nicht in Form von Sachtexten beschreibe, wie ich es bisher oft gemacht habe, sondern auf diese erzählerische Art und Weise.

    Aber es stimmt, schon der Genuss eines Stücks Torte kann ein Gefühl der Dankbarkeit auslösen. So kann jeder, der den Artikel liest, das daraus mitnehmen, was ihn anspricht.

    Liebe Grüße
    Anne

  6. Liebe Anne-Kerstin, vielen Dank für diese Geschichte!

    Noch mehr als die aus Deiner Kindheit gefällt mir die aktuelle, die Geschichte, die das Leben heute schrieb. Der Satz: „Nun iss doch erst einmal Deine Torte und lass einfach mal los …“ und der Genuss der Torte selbst wären für mich schon Aussage genug gewesen.

    Alles Liebe

    Walburga

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