Schreibblockade adé: Den inneren Kritiker bändigen

Bild: OpenClips – Pixabay

Lissy starrte auf den Bildschirm. Weiß sah er aus. Das Blatt in ihrem Textverarbeitungsprogramm war immer noch leer. Nein, immer noch, stimmte nicht so ganz. Es war schon wieder leer, zum wiederholten Male. Denn Lissy schrieb immer ein paar Sätze, nur um diese dann wieder zu verwerfen. „Nein, das liest sich nicht gut! Das klingt ja ganz unmöglich!“, hörte sie eine Stimme im Inneren. Nur zu dumm, dass sie den Artikel in drei Tagen abgeben musste und wieder mal viel zu spät mit dem Schreiben begonnen hatte. Wieder schrieb sie einen Satz und wieder löschte sie ihn. „Ich schaffe es einfach nicht!“, stöhnte sie verzweifelt. Dabei war sie gerade dabei, sich als freie Journalistin zu etablieren. Nach einem Psychologie-Studium wollte sie schreiben, Bücher, Artikel, einen Blog. Es gab ja so viele Themen in ihrem Fachbereich, für die sie brannte. Das war ihr erster Artikel und sie hatte den Auftrag auch nur bekommen, weil ihre Freundin Marina ein gutes Wort für sie eingelegt hatte. Marina war die Assistentin der Chefredakteurin, der Frauenzeitschrift und Lissys beste Freundin. „Wie peinlich, wenn ich das gleich versemmle, doch es geht einfach nicht“, verzweifelte Lissy wieder.

So wie in dieser – fiktiven – Geschichte geht es vielen. Vielleicht ist es dir auch schon mal so gegangen. Ich kenne das jedenfalls nur zu gut, dass der innere Kritiker wieder am Werk ist und einem das Leben schwer macht.

Wahrscheinlich kennt das jeder, der mehr oder weniger regelmäßig schreibt: Es gibt Zeiten, da ist der innere Kritiker besonders stark Er ist immer wieder gefürchtet, denn er sorgt oft dafür, dass man schon gleich zu Beginn eines neuen Schreibprojekts nicht vorankommt. Was kannst du tun, wenn es mal wieder so weit ist?

Ich definiere den inneren Kritiker immer als Teil eines inneren Teams, das sind eigene Persönlichkeitsanteile, die mal mehr, mal weniger stark wirken. So wie den inneren Kritiker gibt es noch weitere Persönlichkeitsanteile, in diesem Artikel soll es aber nur um den inneren Kritiker gehen.

Ein Anzeichen dafür, dass der innere Kritiker wieder mal die Oberhand gewonnen hat, kann u. a. folgendes sein:

  • Du hast einen Auftrag etwas zu schreiben, der Abgabetermin naht und du schiebst es vor dir her, endlich damit anzufangen.
  • Du starrst stundenlang auf deinen Bildschirm, weil dir absolut nichts einfallen will.
  • Du beginnst mit dem Schreiben und löscht alles wieder, weil es dir nicht gut genug erscheint.
  • Du hast keine hohe Meinung von deinen Texten und fürchtest Kritik im Allgemeinen.

Vielleicht hast du dich schon öfters gefragt, warum es den inneren Kritiker eigentlich gibt und welche Funktion er hat. Eine wichtige Funktion ist, dass er uns z. B. vor Blamagen schützen will. Er will uns auch vor der Kritik anderer schützen. Das hat also auch was von Fürsorge.

Doch was kannst du tun, wenn der innere Kritiker beim Schreiben wieder mal so stark ist?

  • Trenne den Prozess des Schreibens und Überarbeitens!
  • Wenn du die erste Version eines Textes schreibst, dann erlaube dir, „es rauszulassen“, was da kommen will.
  • Sprich mit dem inneren Kritiker und sag ihm, dass du gerne auf seine Ratschläge zurückkommst, wenn du deinen Text überarbeitest.
  • Wenn es zu stark wird: Lass den Text los, an dem du gerade arbeitest und mach Freewriting. Nimm ein Blatt Papier und schreibe einfach drauflos.
  • Regelmäßiges Schreiben hilft. Mir hat das Bloggen sehr geholfen und tut es noch immer.

Lissy gibt auf, oder?

Und wie erging es Lissy? Als ihr nach zwei Stunden immer noch kein Anfang für ihren Artikel gekommen war, blätterte sie wieder und wieder ihre Informationen durch, die sie extra für den Artikel recherchiert hatte. „Die ganze schöne Arbeit. Wie konnte ich nur jemals denken, dass ich schreiben kann.“ Sie spürte, wie die Tränen kommen wollten und wie der Kloß in ihrem Hals fast übermächtig wurde. Sie war wie gelähmt vor Angst. „Wo habe ich noch mal die Telefonnummer von der Zeitschriftenredaktion“, murmelte sie vor sich hin. Sie wühlte ihre Ablage durch. Keine Telefonnummer. Sie suchte in ihren Rechercheergebnissen, nichts. Auch nicht in dem Bücherstapel, den sie eigentlich für den Artikel noch durcharbeiten wollte. Auch da war die Nummer nicht.

Schließlich gab sie es auf. Sie legte sich auf ihre Couch. Das machte  sie manchmal, wenn sie eine kurze Mittagspause machen wollte. Eigentlich musste sie an dem Artikel weiterarbeiten. Eigentlich, eigentlich, eigentlich … Wieder ging es ihr durch den Kopf, wie enttäuscht Marina sein würde. Sie war ja selbst so wahnsinnig enttäuscht. „Wenn doch nur ein Wunder geschehen würde“, dachte sie. „Wenn ich nur wüsste, was ich tun kann.“ Doch sie war viel zu erschöpft, um noch weiter darüber nachzudenken. Der Kampf mit dem inneren Kritiker hatte sie mürbe gemacht, so dass sie einschlief.

Das Wunder eines Traums

Da hatte sie einen Traum. In diesem Traum kam eine Gestalt auf sie zu. Als sie näher kam, bemerkte sie, dass es ein Mann war, der einen hellblauen Umhang trug, der glitzerte, als wäre er mit 1000 Sternen bestickt. Seine Haare waren hellblond und ziemlich lang. Sie spürte sofort, dass sie ihm vertrauen konnte. So etwas Beschützendes, Liebevolles ging von ihm aus. Er nahm sie in den Arm und tröstete sie. „Ich bin dein Schreibmentor“, sagte er. Dann legte er ihr ganz sanft einen goldenen Stift in die Hand und deutete auf ein Blatt Papier, das auf einem Schreibtisch aus hellem Kiefernholz lag, der vor einem großen Fenster stand. Lissy blickte aus dem Fenster und sah auf einen hellen Sandstrand mit einem türkisblauen Meer. „Lege deine Sorgen in dieses Meer. Lass sie einfach dorthin fliegen“, sagte der Mann. „Und dann schreib deinen Artikel.“ Lissy stellte sich vor, dass die Sorgen wie Schmetterlinge dem Meer entgegenflogen. Sie spürte, dass sie sich erleichtert fühlte. Dann nahm sie das Blatt Papier und schrieb ihren Artikel. Im Traum war es ganz leicht, den Artikel zu schreiben.

Dann wachte sie auf. Sie fühlte sich frisch, fast wie neu geboren. Die Schwere, die vorher da gewesen war, war verschwunden. Sie brauchte einige Zeit, um wieder richtig wach zu werden. Sie konnte sich auch nur noch daran erinnern, dass sie im Traum geschrieben hatte und dass sie jemanden getroffen hatte, der ihr geholfen hatte.

Als sie richtig wach war, setzte sie sich an den Schreibtisch und fing an. Sie fing einfach irgendwo an, an irgendeiner Stelle ihres Artikels. „Alles andere wird sich schon finden“, sagte sie zu sich selbst. Und tatsächlich wurde der Artikel mit Überarbeitung gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluss fertig und die Chefradakteurin war begeistert.

Als Lissy ein paar Wochen später die Zeitschrift in der Hand hielt und sah, dass ihr Artikel sogar auf dem Cover vorne erwähnt wurde, fiel ihr ein, dass sie an dem Tag, an dem sie so verzweifelt gewesen war, vor dem Einschlafen um ein Wunder gebeten hatte. Das Wunder war tatsächlich eingetreten.

Anne-Kerstin

Mein Name ist Anne-Kerstin Busch. Mit meinen Büchern und Kursen will ich dich dazu inspirieren, ein erfülltes Leben zu leben. Als Schreib-Mentorin helfe ich Coaches, Texte zu schreiben, die im Herzen der Menschen ankommen. Ich gebe meine Erfahrung aus 15+ Jahren in der Zusammenarbeit mit ganzheitlichen Unternehmern und Unternehmerinnen weiter.
Anne-Kerstin
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